Zwischen Seefahrerromantik und Sozialdumping
    Etwa 13 000 Seeleute sind auf in Deutschland registrierten Schiffen unterwegs. Und jeder Zweite gibt in irgendeiner Form den Chef: Kapitän, Chefingenieur, Erster Offizier. In der Reihe dahinter finden sich die zweiten Ingenieure, Elektriker und anderes Führungspersonal, deren Fachkenntnisse für den störungsfreien (und kostensparenden) Betrieb des Schiffes Voraussetzung sind. Weitere 50 000 Seeleute aus aller Welt erhalten ihre Heuer von deutschen Reedern, ihre Schiffe fahren unter fast 50 fremden Flaggen. Filipinos und Seeleute aus Sri Lanka konkurrieren dort neben anderen mit Russen, Polen und Ukrainern.
    Wer derzeit an einer Rundfahrt durch den Hamburger Hafen teilnimmt, findet an stillen Liegeplätzen fernab vom Hafengeschehen rund zwei Dutzend aufgelegte Containerfrachter – ohne Ladung und Besatzung, allein mit einem Sicherheitsmann besetzt. Bis zur Jahreswende sollen es weltweit 500 Containerschiffe sein, im kommenden Jahr vielleicht 1000, die vorübergehend ohne Fracht sind, wird von prominenten Hamburger Reedern geschätzt, die sich schon jetzt auf der Suche nach preiswerten Aufliegerplätzen befinden.
    In den Buchten von Kiel und Gelting an der Ostsee werden auch 2009 Touristen noch Schiffe sehen können, wie einst bei den beschäftigungslosen (aufgelegten) Tankern in den Siebzigern. Und auch die zu den Philippinen gehörende Subic Bay ist bereits als Aufliegerplatz für deutsche Container-Carrier ausgewählt. Dort, wo die Besatzungen zumindest vorübergehend nicht weiter beschäftigt werden, entsteht auch wirtschaftliche Not. Deshalb erscheinen die beruflichen Aussichten für deutsche Seeleute, die nach der Hochschulreife ein nautisches oder technisches Studium absolvieren oder als Schiffsmechaniker eine Lehre beginnen, eher mäßig, die Einkommensaussichten schlecht. Eine Folge: Immer weniger junge Leute drängen in iese Berufe. Rund ein Drittel der ohnehin reduzierten Ausbildungsplätze für seemännisches Personal blieb im vergangenen Jahr unbesetzt. Für Hamburg bedeutet das: „Bis zum Ende des zweiten Quartals standen 118 angebotenen Stellen für seemännisches Fachpersonal zuletzt 392 Bewerber gegenüber“, sagt Rolf Steil aus der Geschäftsführung des Arbeitsagentur in Hamburg. Steil engagiert sich in Gremien und direkten Kontakten sehr dafür, von den Reedern genügend Ausbildungsplätze zum Beispiel für Schiffsmechaniker zu erhalten. „Eine Chance auch für ngagierte Hauptschulabsolventen“, so Steil. Bei der bundesweit einmaligen zentralen Heuerstelle der Agentur für Arbeit in Hamburg werden Seeleute in neue Stellen an Bord vermittelt.
    Von Seefahrerromantik wissen deutsche Schiffsmechaniker, nautische Schiffsoffiziere oder das Maschinenpersonal ohnehin nichts zu berichten. Kapitäne registrieren zunehmend ethnische und soziale Spannungen an Bord, klagen über Vereinsamung und psychische oder gesundheitliche Probleme. Das Bild der taschentuchschwenkenden Seemannsbraut am Hafen gehört längst ins Geschichtsbuch der Seefahrt. Aus Angst vor Terroristen sind die weit außerhalb der Städte liegenden großen Terminals zu Hochsicherheitstrakten ausgebaut worden. „Wir sind eigentlich die Einzigen, die Zugang haben“, berichten die Mitarbeiter der deutschen Seemannsmission. Ins gleiche Horn stoßen die Inspektoren der ITF, der internationalen Transportarbeiter-Föderation, die sich mithilfe deutscher Gerichte und Gerichtsvollzieher dafür einsetzen, dass auf Billigflaggenschiffen monatelang ausstehende Heuern endlich ausbezahlt, vertragliche Zusagen für Heimflüge eingelöst oder Urlaubstage eingehalten werden. Der Kurs nach einigen Jahren Fahrenszeit rund um den Globus ist vor diesem Hintergrund für die allermeisten deutschen Seeleute ausgemacht und heißt: Landjob! Doch bei den Hafenmeistereien, Schiffsmaklern, Reedern und Schifffahrtsverwaltungen, die Nautiker und Schiffsingenieure beschäftigen, ist der Bewerberandrang groß. Viele Kapitäne würden gern gut bezahlt als Lotsen in der Deutschen Bucht, auf Elbe, Weser oder Ems sowie in den Häfen arbeiten. Deren Zahl aber ist sehr begrenzt und schrumpft mit der Häufigkeit von ein- und auslaufenden SchiffenEine Alternative bietet die Küstenfahrt, also die Seefahrt, die abends im Hafen endet. An Bord von Bäderschiffen, Hafenschleppern, Fähren oder – noch sicherer – in den Flotten der schwer zu überschauenden Bundes- und Landeseinrichtungen: bei Zoll, Wasserschutz und Bundespolizei, Fischereiaufsicht, Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen des Bundes, Wasserwirtschaftsverwaltungen der Länder; oder einfach in anderen Berufen, in denen selbstständiges, technisch orientiertes Arbeiten von gut ausgebildeten Mitarbeitern gewünscht wird.
    Wer dagegen in der weltweiten Seefahrt schippert, bekommt die Globalisierung auf eine ganz spezielle Art täglich zu spüren. Die Seefahrer werden manchmal im nicht gerade wertstabilen Dollar bezahlt, weshalb es gut passieren kann, dass die Heuern plötzlich nicht mehr reichen, um den Lebensunterhalt der Familie zu decken. Als Einstiegsargument für Seefahrer taugen derlei Probleme sicher nicht.

    Wolfgang Kiesel