Das letzte deutsche Vollschiff: Schulschiff Deutschland
“Und wann segelt der wieder?” - Der Tourist mit der Videokamera vor der Brust an der maritimen Meile in Vegesack ist von dem Segler vor sich begeistert: Über 86 Meter Länge streckt sich der 12 Meter breite Rumpf und 52 Meter ragt der Großmast in den blauen Himmel des Bremer Nordens. “Schulschiff Deutschland” wird zum Leid ihrer Fans wohl nie wieder segeln. Obwohl an den drei Masten alle 25 Segel mit beinahe 2.000 Quadratmeter Segelfläche problemlos anzuschlagen wären. Die aktive Fahrenszeit dieses Seglers ist vorbei.
“Schulschiff Deutschland” ist das einzige erhalten gebliebene Vollschiff der deutschen Schifffahrtsgeschichte. Außerdem das einzig erhaltene reine Segelschulschiff der Handelsschifffahrt, das also 1927 ausschließlich für Ausbildungszwecke gebaut wurde.
“Schulschiff Deutschland” ist zudem der letzte Rahsegler, der auf dem Helgen der im Segelschiffbau weltberühmten Werft von Joh. C. Tecklenborg in Geestemünde, dem heutigen Bremerhaven, entstand. Die Konstruktion des Schiffes stammt von Georg W. Claussen, dem international renommiertesten Schiffbauer seiner Zeit. Der Großsegler startete in der Zeit von 1927 bis 1939 zu 12 Überseereisen. 17 Ausbildungsreisen wurden zwischen der Indienststellung und dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf Nord- und Ostsee unternommen. Geradezu berühmt ist das Auslaufen aus Kapstadt - gezeichnet von einem deutschen Marinemaler. Sein Werk zeigt, wie der Segler unter Vollzeug mit dem Tafelberg im Hintergrund die Heimreise nach Europa antritt.
“Schulschiff Deutschland” ist ein Segler voller Missverständnisse. Das erste und größte bietet bereits die Namengebung. “Schulschiff Deutschland” ist keineswegs ein Schulschiff mit dem Namen “Deutschland” sondern wurde “Schulschiff Deutschland” getauft. Und auch die Tatsache, dass “Schulschiff Deutschland” über keinen Maschinenraum verfügt, ist nicht etwa dem inzwischen festen Liegeplatz an der Weser geschuldet. “Schulschiff Deutschland” hatte niemals eine Maschine - jedenfalls keine für den Antrieb des Schiffes. Allein ein kleines Aggregat für die Stromerzeugung und den Betrieb der Funkanlage sorgte für die Verbindung zur Außenwelt und zu Norddeich Radio, der ersten und ältesten deutschen Küstenfunkstelle. 164 Mann Besatzung gehörten zur Crew - davon 140 Matrosen, die auf “Schulschiff Deutschland” ihre seemännische Grundausbildung für den Einsatz in Handelsmarine, also der “christlichen Seefahrt” erhielten. Eigner bis heute ist der Deutsche Schulschiff-Verein, der in seiner Geschichte sechs Segler besaß. Einige davon wurden nach Ende des ersten Weltkrieges als so genannte Reparationsleistungen an die Alliierten ausgeliefert und blieben dort oder anderswo erhalten.
Die “Prinzess Eitel Friedrich” zum Beispiel. Sie war inzwischen dutzenfach als polnischer Ausbildungssegler “Dar Pomorza” zurück in Deutschland. Oder die Großherzog Friedrich August, 1914 in Dienst gestellt und 1920 enteignet. Sie besuchte schon gemeinsam mit ihrem Schwesterschiff “Schulschiff Deutschland” die Sail in Bremerhaven. Inzwischen als “Statsraad Lehmkuhl” unter norwegischer Flagge”. Auch “Großherzogin Elisabeth”, als erstes Schiff des gerade gegründeten Vereins 1901 in Dienst gestellt, ging mit dem Ende des Ersten Weltkrieges verloren und liegt heute als “Duchesse Anne” an der französischen Kanalküste.
Was ist ein Vollschiff?
Verglichen mit dem segelnden Flaggschiff der deutschen Marine, “Gorch Fock”, fällt die große Ähnlichkeit zu “Schulschiff Deutschland”im Rumpf auf. Doch das Rigg unterscheidet sich erheblich. Fock und Großmast der “Gorch Fock” sind rahgetakelt, der Besanmast allerding führt Schratsegel. Deshalb ist die “Gorch Fock” eine Bark. An Bord von “Schulschiff Deutschland” sind alle drei Masten rahgetakelt. Daher die Einordnung des Seglers als Vollschiff.
Die heutigen Gäste an Bord von “Schulschiff Deutschland” dürsten nicht mehr so sehr nach praktischer Seemannschaft, sondern eher nach Bier, Wein und Wasser. Denn in der Messe und dem Salon des Traditionsschiffes lässt sich wunderbar feiern. Geburtstage, Jubiläen - oder Hochzeiten. Nicht nur silberne oder goldene, sondern auch grüne. Denn im Kapitänssalon werden regelmäßig Trauungen (standesamtliche und kirchliche) und Taufen vollzogen. Und wer zum 30. Geburtstag noch immer nicht in den Hafen der Ehe eingelaufen ist, wird an Bord von “Schulschiff Deutschland” schon mal zum Deckschubben verdonnert.
Deutlich mehr zum Schiff, zu Besichtigungen oder den tollen und zünftigen Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu 60 Personen an Bord (z.b. Radwanderer vom tollen Weserradweg) findet sich unter www.schulschiff-deutschland.de.
Wolfgang Kiesel