Luft- und Raumfahrt
„Hier ist die Spitze – und nicht nur bei der Ariane 5!“
Mit Flugzeugbau und Raumfahrt setzen die Bremer Meilensteine in Europa
„Das ist doch ein Landeplatz mit Gastronomie“, spottete in früheren Jahrzehnten manch erfahrener Flugreisende. Seinerzeit konkurrierte der „Flugplatz“ in Bremen noch mit denen Nürnberg und Saarbrücken und spielte eher in der zweiten oder dritten Liga der deutschen Luftfahrt. Und vielleicht gehört es zu den Ergebnissen hanseatischen Understatements, dass die Leistungen der Luft- und Raumfahrt an der Weser bis heute eher als Insiderwissen gehandelt werden.
Für Jens Walla, Chef des 3.500 Mitarbeiter starken Airbuswerkes in Bremen, steht die Bedeutung der Hansestadt im europäischen Flugzeugbau-Verbund nicht in Frage. Er konnte erst vor wenigen Wochen den ersten Serienrumpf der Airbus-Militärversion A400M ausliefern. Der 136,5 Tonnen Frachter (Startgewicht) verfügt über eine 32 Meter lange Rumpfsektion, deren Technik – 120 km Kabel, 500 Meter Hydraulikrohre sowie das komplexe Frachtsystem – in einer neuerbauten Halle am Rande des Bremer Airports von mehr als 1.000 Mitarbeitern montiert wird. 192 Aufträge liegen für den Militärfrachter inzwischen vor und sorgen an der Weser für volle Auftragsbücher über Jahre hinweg.
Wie auch die ebenfalls in Bremen mit komplexer Technik „gefüllten“ Tragflächen der 3er-Versionen von Airbus, verlassen die A400M-Rümpfe die Hansestadt an Bord des Spezialfliegers „Beluga“ über die Runway quasi vor der Haustür. Endmoniert wird der Militärfrachter in Spanien, wo im kommenden Sommer der Erstflug auf dem Terminplaner steht.
Deutlich höher als die 11.000 Meter maximale Flughöhe des Hochdeckers A400M fliegen die Produkte des Raumfahrtstandortes Bremen. Seit mehr als 40 Jahren finden hier Forschung und Entwicklung statt. Das sicher bekannteste Produkt der Bremer ist die oberste Stufe der Trägerrakete Ariane 5, von der gerade wieder mehr als 100 bestellt wurden. Das Trägersystem Ariane ist das weltweit erfolgreichste für den Transport kommerzieller Satelliten. Nicht weniger spektakulär ist bei der jüngst neu formierten EADS-Space-Division und ihrer Tochter „Astrium“ (3,2 Mrd. Umsatz, 11.000 Mitarbeiter europaweit) mit mehr als 1.500 Mitarbeitern in Bremen die Arbeit am wieder verwendbaren Raumtransporter Phönix, der bereits 2004 seinen erfolgreichen Erstflug absolvierte.
Zum Kerngeschäft der Bremer gehört ebenso das Wissenschaftslabor Columbus, für das im Auftrag der europäischen Weltraumorganisation ESA hier ganz wesentliche Beiträge erbracht werden. Das Weltraumlabor ist der zentrale europäische Beitrag zur internationalen Raumstation. Für den laufenden Betrieb des Labors wird in Bremen ein Nutzungszentrum unterhalten, in dem Astrium auch die internationalen Wissenschaftsastronauten einweist und die Grundlagenforschung sowie die industrielle Nutzung der Forschungsanlagen im All betreut.
Erst vor wenigen Wochen legte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt aus Köln in Bremen den Grundstock für ein weiteres erfolgversprechendes Zukunftsprojekt. Unter dem Projektnamen „Venus“ (Vega New Upper Stage) werden die Bremer Astrium-Experten eine Studie zur Oberstufe der zukünftigen europäischen Trägersysteme anfertigen. Bis zu 1,5 Tonnen Nutzlast – und damit alle gängigen Satellitensysteme - soll der Kleinträger in den Orbit transportieren können. Damit befindet sich Vega in direkter Konkurrenz zu den deutlich gestiegenen russischen Startpreisen, die bisher noch weitgehend aus Konversionszeiten kalkuliert waren. Das Gesamtprojekt organisieren die Italienischen Raumfahrtspezialisten. Mit den erwarteten Ergebnissen der Bremer Studie hoffen die Auftraggeber, den Anteil Deutschlands an diesem Projekt deutlich steigern zu können.
Mit noch höherer geplanter Nutzlast, nämlich 6,5 Tonnen, ausgestattet ist der Raumtransporter ATV, der in Bremen bereits für die internationale Raumstation gebaut wird. Im Gegensatz zu den bisher von Amerikanern und Russen eingesetzten Systemen ist ATV ein wieder verwendbares, unbemanntes und vollautomatisches Versorgungsfahrzeug, das in regelmäßigen Abständen Vorräte und Treibstoff zur Raumstation transportiert.
Airbus, Astrium und einige Dutzend weitere im Flugzeugbau sowie in der Raumfahrt und der Forschung tätigen Unternehmen findet in direkter Nähe zum Bremer Flughafen in der „Airportcity“ statt. Dort agieren auch Professoren der Hochschule Bremen, die ebenso wie die Universität Bremen in internationalen Studiengängen den Flugzeugbau und die Raumfahrt mit qualifiziertem Nachwuchs versorgen. Erfolgreiche Forschungsergebnisse von der Weser gibt es reichlich. So wird als Ergebnis der Laserforschung an der Universität Bremen in diesem Jahr der erste Flugzeugrumpf lasergeschweißt, wofür es immerhin den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft gegeben hat.
Neben den Airbus-Carriern „Beluga“, deren äußere Form jedem physikalischen Gesetz zu widersprechen scheint, finden auf dem Bremer Airport auch „ganz normale“ Flugbewegungen statt. Und zwar mit mehr als 40.000 Starts und Landungen im vergangenen Jahr, die 2007 durch das neue Engagement von Ryanair deutlich in die Höhe schnellen dürften. Im Zeitraum von Januar bis Juli 2007 stieg die Zahl der Flugbewegungen bereits um mehr als 6 Prozent, die der Fluggäste sogar um 19 Prozent. Eine Entwicklung, die den Flughafendirektor Manfred Ernst jubeln lässt: „Für Ryanair ist Bremen ist nicht irgendein Flughafen, sondern die zweite Basis nach Hahn!“ Und die Touristiker in Bremen und den Zielairports der Billigliner melden bereits die deutlichen Zuwächse von gut zahlenden Besuchern.
Beim Thema Luftfracht treten die Bremer eher in die zweite Reihe. Hier besteht noch „Ausbaupotential“, wie eher schmunzelnd zugegeben wird. Der wesentliche Teil der Luftfracht-Container ist getruckt, wird also von den großen Aircargo-Flugplätzen in Europa auf der Straße nach Bremen transportiert und hier gestript. Spektakulär ist allenfalls neben den regelmäßigen Starts und Landungen der Beluga die russische AN 124, das größte Transportflugzeug der Welt, die in Bremen einen regelmäßigen Auftritt hat. Sie holt die Oberstufe der Ariane 5 ab und transportiert sie zum Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana.
Deutlich mehr als Fliegen
Eher im Verborgenen rangiert Luft und Raumfahrt von der Weser auf einem europäischen Spitzenplatz
Seit Freiherr von Hünefeld vor knapp 80 Jahren in Bremen startete, um via Irland den ersten Direkt-Atlantikflug von West nach Ost zu absolvieren, hat sich auf dem „Neuenlander Feld“, wie der Verein für Luftfahrt seinen „Flugstützpunkt“ nannte, beinahe alles verändert. Der Bremer Airport ist nämlich nicht nur ein Verkehrsflughafen mit steil aufsteigender Erfolgsbilanz, sondern der einzig nennenswerte Standort der deutschen Raumfahrtforschung und –produktion. Die Oberstufe der Ariane 5 entsteht hier, das Weltraumlabor Columbus, die Raumgleiter ATV und Phönix. Und gleich nebenan werden die Tragflächen der 3xx-Airbusse mit Technik gefüllt und der 32 Meter lange Rumpf der Militärfrachters A400M gefertigt. Für die Logistik stehen der Airbus-Carrier „Beluga“ und die AN 124, das größte Frachtflugzeug der Welt, bereit.