Zwischen Resteverwertung und Hintergrundberichten

Dienstlich oder privat – Blogger sind auch journalistisch unterwegs

„Thomas Lückerath schaut Fernsehen und schreibt darüber. Sein Internet-Medienmagazin DWDL beschäftigt mehrere Angestellte und macht Gewinn – auch wenn kein Leser dafür zahlen muss.“ Jan Hauser, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet darüber im FAZ-Blog Medienwirtschaft (http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/ ) und auch über allerlei Online-Aktivitäten. DWDL (dwdl.de)ist nach eigener Einschätzung kein Blog, nennt sich „Medienmagazin“, doch die Grenzen zwischen beidem, dem Blog und dem Online-Medium, scheinen fließend.

Journalismus und Blogger – keine Freundschaftsbeziehung und das seit rund einem Jahrzehnt. Dabei ist inzwischen die Zahl der Journalisten, die hochprofessionell und teilweise als Bestandteil ihres Angestelltendaseins bloggen, geradezu explodiert. Kaum ein Medium, in dem Blogs nicht zur aktiven Leserbindung eingesetzt werden. Bei der FAZ weist eine extra Portalseite (http://blogs.faz.net/ ) auf die große Zahl der FAZ-Blogs hin. In Darmstadt sind es die Blogs auf Echo Online (http://blog.echo-online.de/), in Wiesbaden findet man die Blogs in einer Übersicht (wiesbadener kurier.de/lokales/blogs/index.htm) und in Mittelhessen bloggt unser Mitglied Christoph von Gallera (mittelhessenblog.de). In Fulda ist Martin Angelstein aktiv. Seine Osthessen-News übersteigen den Rahmen eines Blogs enorm. Er bietet Journalistisches aus der Region und ist für etliche seiner regelmäßigen Leser die lokale und regionale Informationsquelle. Beim Hessischen Rundfunk sorgt ebenso eine Portalseite für die Infos zum Blogangebot (blogs.hr-online.de/) Ein ganz sicher nur winziger Ausschnitt aus den Blogangeboten in Hessen.

Wie sind denn diese Blogs mit Blick auf die „traditionellen“ Medien einzuordnen? Nach dem Telemediengesetz sind Weblogs Telemedien. Sie haben sich an dieselben Rahmenbedingungen zu halten, wie alle Medien, wozu beispielsweise das qualifizierte Impressum gehört. Die Deutsche Nationalbibliothek bezeichnet Blogs als „Internetpublikationen“ – allerdings ohne ISSN-Nummer. Also sind die Veröffentlichungen der bloggenden Journalisten einfach eine andere Darreichungsform?

Als er noch Ressortleiter Sport bei der Berliner Zeitung war, sah sich Jens Weinreich vielen Zwängen unterworfen – gerade vor dem Hintergrund seiner Spezialthemen Sportpolitik und Korruption. Ihn trieb die Sehnsucht nach einer neuen Art von Journalismus in die Blogosphäre. Der Austausch mit der Community etwa ist für ihn heute wichtiger denn je. „Ich nenne meine Leser nicht mehr Rezipienten. Diese Art der Kommunikation bezeichne ich als Einbahnstraße. Meine Leser sind Diskutanten, die sich zu Wort melden und mir auch im direkten Gespräch bestätigen, dass sie mein Blog regelmäßig lesen“, erklärt er.

Im Blog journalisten-bloggen.de des Münchener Rundfunkjournalisten Knut Kuckel (der war auch mal HR-Studioleiter in Gießen) wird hinterfragt, ob durch Blogs Journalisten ihre Gatekeeper-Funktion zwischen der Nachricht und dem Rezipienten verloren haben. Mit steigenden Klickzahlen sicher keine ganz übertriebene Überlegung.

Markus Beckedahl (beckedahl.org) war es, der mit seinem Wunsch, eine Jahresakkreditierung zu erhalten, der Bundestagsverwaltung eine Blogger-Diskussion aufgezwungen hat. Netzpolitik.org (netzpolitik.org)ist der Blog, auf dem er vorwiegend berichtet. Als vorjähriges Mitglied der „Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft“ war Beckedahl immerhin gut für einen Hausausweis im Reichstag und ging dort unbehelligt ein und aus. Aber als Blogger?

Nicht allein die Bundestagsverwaltung ist aufgerufen, näher hinzuschauen und sich gegebenenfalls den aktuellen Blickwinkeln der Rezipienten anzupassen. Die von der Verwaltung gestellte Frage, ob Blogger an der Parlamentsberichterstattung teilnehmen, ist sicher inzwischen als albern einzuordnen. Doch wie ist es mit der Frage, ob Journalisten als Blogger möglicherweise einen Teil ihrer Professionalität oder gar ihrer Glaubwürdigkeit verlieren? Eine Kritik, die seit rund zehn Jahren in manchem Journalistenzirkel für intensive Diskussionen sorgt.

Schließt sich beim Bloggen die gebotene Neutralität des Berichterstatters aus? „In der Blogosphäre heißt die Währung Vertrauen: Wenn ich für ein Thema brenne und dafür ein Blog eröffne, habe ich auch etwas zu erzählen. Ist die Geschichte gut, gelangt sie auch zum Leser – nach und nach baut sich dann völlig selbstständig eine Community auf“, schreibt Markus Anhäuser von den Wissenschaftsjournalisten der TU Dortmund.

Leider ist es so, dass es bei vielen nicht- oder nebenjournalistischen Bloggern auch auf den Ethos der Arbeit nicht so sehr ankommt. „Da wird geschmiert, was das Zeug hält – und zwar in jeder Beziehung“, wissen Insider vor allem aus dem Automobil- und Tourismusgeschäft. Und manchmal sind es die PR-Agenturen oder die Pressestellen selbst, die unter falschen Namen als Blogger auftreten. Dadurch wird leider diese Veröffentlichungsalternative in ihrem Image ein wenig belastet.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Zeitungen – in den Augen vieler Journalisten noch immer das „Leitmedium“ – tatsächlich der sechste, siebente oder achte Weg ist, auf dem uns eine Information erreicht. Schön wäre es, wenn die Zuverlässigkeit aller Quellen zu überprüfen wäre.

Ich zumindest glaube nicht, dass der Transportweg meiner Manuskripte zum Rezipienten meinen Journalismus beeinflussen kann. Und was den Blogger als hauptberuflichen Kollegen angeht finde ich: Beim Bloggen ist es eben wie beim Radfahren. Da gibt es Profis, Amateure und Freizeitradler. Würde man deshalb den Profis ihre Berufstätigkeit absprechen?

Wolfgang Kiesel*

*Mein Frustabbaublog: www.jadeweserreport.de

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