Ein Strohhalm namens „P3“

Durch den Bahntunnel am Berliner Flughafen BER fährt nahezu täglich ein Zug – weil der verwaiste Bahntunnel ansonsten schimmeln würde. Ein Einzelfall? Nein. Auch am JadeWeserPort in Wilhelmshaven heben und senken sich die Containerbrücken ohne, dass ein Schiff auch nur in Sicht ist – damit die Technik „in Bewegung“ bleibt. Belege der Erfolglosigkeit – hier wie dort? Der Silberstreif am Horizont des Containerterminals heißt P3. Seit Monaten schwirrt das Kürzel einem guten Tageshoroskop gleich durch die Zeitungen. Doch gleichzeitig schießen sich etliche Medien auf das bisher erfolglose Terminal an der Jade ein. Zuletzt die Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ): „Am Voslapper Deich beginnt die Stille. Denn da liegt der Jade-Weser-Port, Deutschlands einziger Tiefwasserhafen, Deutschlands einziger Hafen ohne Schiffe. Warum das so ist? Wilhelmshaven 130523Kurz gesagt: Der Hafen hat ein Henne-Ei-Problem, also ein Schiff-Container-Problem. Es kommen keine Schiffe, weil es keine Container im Hafen gibt. Und es gibt keine Container, weil keine Schiffe kommen. Und weil sowohl Schiffe als auch Container fehlen, kommen auch keine Firmen. Und so weiter, und so weiter.“
Die düsteren Bilder eines ARD-Tatorts, der offensichtlich vorwiegend abends gedreht wurde und ohne Beleuchter auskommen wollte, stehen für Mancherlei. Und die Badische Zeitung  titelte gar: „Kein Schiff wird kommen …“.

Was aber ist eigentlich „P3“ und ist die Wilhelmshavener Hoffnung, dass es endlich bald losgehen könnte, berechtigt?
„P3“ steht für einen Zusammenschluss. Und zwar für einen, der in dieser Dimension auf der Welt noch nicht vorgekommen ist. Drei Reedereien, denen die meisten und größten Containerschiffe weltweit gehören, wollen zukünftig als ein Carrier in die Verhandlungen mit Häfen und Verladern einsteigen: Außer dem dänischen Familienunternehmen Møller-Mærsk-Gruppe sollen die Schweizer Mediterranean Shipping Company (MSC) und aus Frankreich die dort dominierende Reederei CMA/CGM – für sich auch schon ein Zusammenschluss – hinzustoßen. Projektkürzel: P3.
Was bisher im JadeWeserPort von den Containerbrücken über die Kaje gefahren wird, ist kaum der Rede wert. Zwei Schiffe wöchentlich sind es offiziell – ein Asien-Europadienst sowie ein Feederschiff fürs Baltikum mit 1.200 Standardcontainern (TEU). Und alle Schiffe, die bisher in der Jade anlegten, taten dies auch in Bremerhaven und/oder Hamburg. Aus der Sicht von Außenstehenden kann dies eigentlich keinen Sinn machen.
Aber P3! Mit dem Reedereipool sollen die Großen kommen. Die Carrier mit Platz für 18.000 TEU und einem Tiefgang, bei dem der Tiefwasserhafen an der Jade endlich punkten will! Eigentlich sollten die ersten Ankünfte bereits im Sommer stattfinden, doch nach der Zustimmung der Kartellwächter aus den USA und Europa fehlte noch die Zustimmung aus Peking. Nach dem Informationen des Wall Street Journal sollen die Chancen dafür gut sein …
„Dieser Hafen wurde für 100 Jahre gebaut“ werden die Öberen aus dem Terminalgebäude zitiert. Erst einmal aber herrscht am JadeWeserPort mehr Ruhe, als jeden Weggefährten lieb ist. Dazu stellt die FAZ fest: „Nur der Wind pfeift. Hinterm Deich erstreckt sich eine Brachfläche bis zur Hafenanlage. Sand, Gras und Schafskot, leere Straßen, die die Brache durchschneiden. Das ist das Logistikzentrum des Hafens, vom niedersächsischen Wirtschaftsministerium angepriesen als „eine in Nordeuropa einzigartig große und zusammenhängende Fläche“. 160 Hektar mit „optimalen Standortbedingungen“. Manchmal lassen die Wilhelmshavener dort Drachen steigen.“
Wolfgang Kiesel

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