Schweers-Werft – ein Blick in die Historie

Ein historisch wichtiges Stück Spezialschiffbaugeschichte

Oder: Was ist ein richtiger Stapellauf?

Die beiden 6-jährigen waren sich hundertprozentig sicher: „Das ist doch kein richtiger Stapellauf!“ Bei Stapelläufen waren sie Fachleute. Die hatten sie schon etliche Male beim Bremer Vulkan, dem Arbeitsplatz ihrer Väter, gesehen. Tausende von Besucher waren dann auf dem weitläufigen Werftgelände in Vegesack, es gab den Hammerschlag auf dem Helgen und dann rauschte der Schiffsneubau mit lautem Getöse die schiefe Bahn hinab in die Weser, wo ihn mühsam die ausgelegten Ketten und einige Schlepper bremsen konnten. „Das ist ein Stapellauf!“ Aber das hier? Das sollte ein ganz besonderer Stapellauf sein, hatte Vaddi am Abend zuvor erzählt. Stapellauf??

Zentimeterweise rollte da auf der gegenüberliegenden Weserseite ein offenbar winziges Schiffchen – überhaupt kein Vergleich zu den Neubauten des Bremer Vulkan – auf einem Slipwagen in Richtung Wasser. Ewig dauerte das! Und dazu sollte dann abgeblich auch noch der Bundespräsident extra aus Bonn gekommen sein. Und sehen konnte man den über die Weser hinweg auch nicht. Das war total blöd! Noch bevor die Zentimeteraktion da drüben beendet war, zogen die beiden Steppkes in Richtung Müllerloch, schließlich hatte einer der beiden einen Stock mit Band dabei – man konnte ja mal Angeln spielen. Für die Schweers-Werft gegenüber von Bremen-Blumenthal, im niedersächsischen Bardenfleth, fand dieser „Stapellauf“ an dem vielleicht größten und wichtigsten Tag in der Geschichte des Familienbetriebes statt.

Ein eher trüber Wintertag Anfang des Jahres 1957 war es, als sie den gerade fertiggewordenen Seenotkreuzer „Theodor Heuss“ in die Weser setzen. Das 23 Meter lange Typschiff einer neu entwickelten Generation von Einsatzfahrzeugen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Die Schweers-Werft wurde bereits 1836 von Martin Schweers gegründet. Eigentlich war es damals noch keine richtige Werft, wie die von den Nachbarsfamilien Focke und Oltmann.

Martin Schweers war ein selbstständiger Bootsbauer, die seinerzeit auch Jöllenmacher oder Charloupenmacher genannt wurden, der auf der Diele seines Wohnhauses das Bootsbauholz bearbeitete. Mehr als ein halbes Dutzend Charloupenmacher gab es allein im kleinen Dorf Bardenfleth. Sie bauten Galioten und Weserkähne, mit denen der Warentransport weseraufwärts nach Bremen durchgeführt wurde. Die „Metta Margarethe“ beispielsweise, die Schweers 1860 ablieferte. Erst im 20. Jahrhundert wuchs der Schiffbauplatz. Wie andere Werften auch proftierte Martins Enkel Friedrich Schweers vom Aufschwung im Eisenschiffbau und später, in den 30er Jahren, von der Aufrüstung. Er baute Torpedofangboote in Serie, später auch Dienst- und Bereisungsboote für allerlei öffentliche Einrichtungen.

Erst mit dem Seenotkreuzer „Theodor Heuss“ stieg der Bekanntheitsgrad der Fr. Schweers Werft. Die Wochenschau und sogar das Fernsehen waren auf der Werft, Zeitungsleute aus mehreren Nordseeanrainerstaaten waren vor Ort und im Radio wurde live gesendet!

Der Erfolgskunde DGzRS Im Mittelpunkt stand jedoch nicht Schweers allein, sondern Jonny Schumacher, der Inspektor der DGzRS. Er leitete den Rettungsdienst der gemeinnützigen Organisation aus Bremen, und war zugleich der Vater dieser weltweit beachteten Konstruktion. Bereits den Versuchskreuzer „Bremen“ hatte er zuvor auf der Lürssen-Werft in Vegesack bauen lassen. Und jetzt die „Theodor Heuss“, mit deren Hilfe die Seenotrettung weltweit auf eine neue schiffbautechnische und nautische Basis gestellt wurde.

Schumacher, stets organisatorisch unterstützt von seiner Assistentin Ursel Söhnchen, hatte in Schweers „seinen“ Betrieb gefunden. Nicht zu groß, da konnte er „basteln“ und ausprobieren. Schweers hatte sehr qualifizierte Mitarbeiter und war sicher jahrelang von der DGzRS finanziell abhängig. Der Werftenchef Schweers, in seiner Abwesenheit über Jahrzehnte hinweg nur „Opa“ genannt, war Schumachers Sparringspartner, der die Werft zwischen den späten 50ern und den 70er-Jahren zum weithin wichtigsten zivilen Spezialschiffbauplatz wachsen ließ. Mehr als zwei Dutzend Seenotkreuzer allein für die DGzRS entstanden hier, dazu noch einige auf ausländische Rechnung, nach den Schumacher-Plänen gebaut. Bis zur US-Coast-Guard reichte seinerzeit die Liste der Auftraggeber.

Schweers

Das Werftgelände nach der Schließung. Nach 175 Jahren verschwand der Name Schweers.

Mit dem Ausscheiden von Schumacher aus der Seenotrettung und der Übergabe der Werft an den Enkel von Hans (Johannes) Schweers, Günter Schropp, wurde es deutlich ruhiger und weniger pionierhaft auf der Bardenflether Werft. Schropp, ein eher sachlicher und ein bisschen dröger Schiffbauingenieur, wollte keine Revolutionen. Dennoch entstanden bis in die 90er Jahre noch Seenotkreuzer bei Schweers, dazu Zoll- und Polizeiboote, Fähren für Tunesien sowie andere Spezialschiffe und Luxusyachten bis zu einer Länge von 60 Metern. 2001 vermietete Schropp seine Werft an die Lürssen-Group, dieses Engagement blieb eine Episode, die Werft stellte 2011 ihren Betrieb ein. Erst 2012 kam neues Leben auf das Gelände. Günter Schroop verstarb 2006. Seine Nachfolger, die Schiffs- und Grundstücks-Handel GmbH in Hude – verkaufte das zweieinhalb Hektar große Werftgelände an die Fassmer-Werft aus Motzen.

Die beiden Schiffbauhallen sowie der 550-Tonnen-Lift als Teil eines Schienen-Verschiebesystems auf dem Gelände sollen zukünftig ganz unterschiedlichen Zwecken dienen, so ist von Fassmer zu hören. Der Name Schweers ist damit Ende 2011, nach exakt 175 Jahren, aus der Liste der aktiven Werften gelöscht.

Wolfgang Kiesel

Anmerkung:
Gerhard Hincke verweist mit Recht darauf, dass Günter Schropp der Enkel von Hans (Johannes) Schweers war, der die Werft in den Zwanzigern nach dem plötzlichen Tod seines Vaters übernommen hatte. Hans Schweers war Hinckes Großonkel. Dessen Sohn starb 1945 an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs. Mit Kriegsende hatten, so schreibt Hincke, die Fähren ihren Dienst eingestellt und es bestand danach keine Transportmöglichkeit nach Vegesack ins Krankenhaus. Günter Schropp war also nicht Schweers Schwiegersohn, wie ich ursprünglich geschrieben hatte.
Ich bedanke mich für die Information. Wolfgang Kiesel 

 

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