Logistik – viel mehr als Transport

Nationale oder kontinentale Grenzen oder Unterschiede sind in der Logistik inzwischen weitgehend überwunden. Deutsche Unternehmen realisieren weltweit ausgefeilte Logistikkonzepte. Napoleon gilt als ihr Erfinder und die Militärs haben sie über die Jahrhunderte exakt und schematisch kultiviert: die Logistik. Die Armeen dieser Welt verfügen allesamt inzwischen über mehr Nachschub-Soldaten als kämpfende Truppen. Und als die deutsche Bundeswehr 1993 erstmals ihre 1.700 Soldaten in Somalia mit täglichen Mahlzeiten, Coladosen und Schokoriegeln versorgen musste (Küchen und Kantinen waren bis dahin in Deutschland nicht Bestandteil der Truppe) gab es hier zu Lande die ersten großen militärischen Logistikkonzepte unter Beteiligung ziviler Unternehmen.

In der Wirtschaft hat Logistik einen deutlich anderen Klang als bei den Militärs. In etlichen Branchen sind die Logistiker sogar zu einem Teil der Produktion geworden. „Lean Production“ ist das Stichwort, unter dem „just in time“ Komponenten direkt aufs Fertigungsband bei Autos, Fernsehern oder IT-Produkten gesetzt werden. Die Folge: Lager- und Personalkosten werden reduziert, überflüssige Transporte vermieden. Im Technikzentrum für den Automobil-Im- und Export in Bremerhaven, das gerade eine eigene Teststrecke erhält, wird von BLG-Logistic vor der Ausfuhr bei hochwertigen Mercedes-AMG-PKW das Soundsystem eingebaut und die Geschwindigkeitsbegrenzung entfernt. In Brasilien hat das Unternehmen die Werkslogistik für die dortige Produktion des Mercedes-Coupes vom Typ CL 203 übernommen. Damit das Werk überhaupt montieren kann, sammelt das Logistic Center in Bremen etwa 2.000 unterschiedliche Fahrzeugteile von 250 verschiedenen Zulieferern – jährlich etwa 3.000 Standardcontainer (TEU) – und organisiert die Verschiffung nach Südamerika. Im Mercedes-Werk in Juiz de Fora, in der Nähe von Rio, werden die Container entladen und die Teile in die Montage eingebracht. Die fertigen Fahrzeuge gehen ausschließlich in den Export, vorwiegend nach Europa. Eine vergleichbare Leistung wird für die Mercedes C-Klasse-Produktion in Südafrika erbracht: Sammeln der Teile in Bremen, Organisation des Transports ins Werk und Distribution der Fertigfahrzeuge, die auch dort ganz wesentlich in den Export gehen.

Aus Asien kommen die Kabelbäume für Ford-Escord in Containern nach Südafrika, wo BLG-Logistics die komplette Logistikkette realisiert. Bis zum Umpacken der Kabelbäume in die Produktionsbehälter und der Einlagerung in ein Pufferlager im Werk, das ebenfalls von BLG betrieben wird. Ähnliche Logistikleistungen werden in Malaysia für BMW erbracht. Ein Gemeinschaftsunternehmen nimmt in Port Klang sogenannte CKD-Bausätze in Empfang, organisiert den Transport ins BMW-Werk in Sha Alam und ist auch für den Transport der Fertigfahrzeuge, für die Verladung und Auslieferung zuständig. Und dies sind nur wenige Beispiele aus einer großen Auftragspalette deutscher Logistikunternehmen.

Und wo bleibt der Kaffee?

Eines der sicher komplexesten Logistiksysteme, das ebenso wie die Konzepte von Mercedes bereits mit dem Deutschen Logistik-Preis ausgezeichnet wurde, kommt aus dem Hause Tchibo. „Jede Woche eine neue Welt“, verspricht der Kaffeekonzern, der im Grunde das Ergebnis einer Logistik-Revolution darstellt. 1949, als Kaffee vorwiegend in Kaffeegeschäften gekauft wurde und überhaupt als Luxusartikel galt, setzte Tchibo auf eine neue Logistik-Idee: Den frisch gerösteten Bohnenkaffee brachte der Briefträger der Deutschen Bundespost ins Haus! Was heute in den Regalen von mehr als 60.000 Tchibo-Outlets vor allem Frauen begeistern soll, kommt weitgehend aus Fernost und trägt jährlich rund 3,5 Mrd. Euro zum Umsatz bei. Nach Deutschland kommt es in etwa 20.000 Standardcontainern jährlich. 24 Monate dauert es, bis ein Produkt von der Idee bis zur Auslieferung alle Stadien von Planung, Produktion und Logistik durchläuft. Dabei setzt der Kaffeekonzern auf Nachhaltigkeit. Bereits in den 90ern überraschte Tchibo-Chef-Logistiker Kay Middendorf mit Binnenschiffs- und Schienenkonzepten statt dem umweltbelastenden Straßentransport. Seit einem Jahr steht die Reduzierung von CO2-Emission der Tchibo-Transportketten im Zentrum eines gemeinsamen Projektes des Unternehmens mit dem Bundesumweltministerium und der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Dreh- und Angelpunkt des Logistikonzeptes ist das größte Hochregallager Europas mit 150.000 Stellplätzen und sechs Kommissionierungsstraßen im Neustädter Hafen in Bremen. Mehr als 6.000 Paletten werden dort täglich umgeschlagen.

Wolfgang Kiesel

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